Müll

Die bittere Wahrheit: zu viel Müll auf Laufveranstaltungen

Es ist ein Paradoxon. Wir Läufer leben irgendwie ein vorbildliches Leben. Wir gehen raus in die Natur, halten uns fit und achten auf unsere Gesundheit. Nicht nur unser Körper ist uns wichtig, auch unsere Umwelt liegt uns am Herzen. So sorgen wir uns um das Robbenschlachten in Canada, kaufen nur noch Bio-Produkte oder nehmen das Fahrrad anstatt das Auto. Allgemein sind wir wohl bemüht ein nachhaltiges Leben zu führen – zumindest die meisten.

Gleichzeitig besuchen wir aber auch Laufveranstaltungen, die wohl mehr Müll produzieren als jedes Rock am Ring Festival und die wohl umweltfeindlicher sind als jede Flugreise.

Ein Beispiel:
Beim Berlin Marathon 2014 werden 240.000 Liter Wasser auf EINE MILLION Trinkbecher verteilt.
Oder 2015 kommt Berlin auf 272.000 Sicherheitsnadeln und 40.500 Schwämme. (Quelle: www.tagesspiegel.de)

 

Fakten

Ehrlich gesagt ist es gar nicht so einfach brauchbare und richtige Infos zu dem Thema Müll auf Laufveranstaltungen zu finden. Wahrscheinlich will darüber keiner reden und wissen will es wohl eigentlich auch niemand. Trotzdem bin ich bei meiner Recherche auf folgende interessante Fakten gestoßen (Berlin Marathon):

  • 2010 Umstellung von Einweg-Pappbecher auf über eine Million Einweg-Kunststoffbecher, was zu einer Verschlechterung der Umweltauswirkungen führt
  • Die biologische Abbaubarkeit bietet keinen ökologischen Vorteil
  • 40.000 Kälteschutzfolien (eine wiegt 150 Gramm)
  • 2010: Einwegbecher und Kälteschutzfolien erzeugen 40 Tonnen Müll, darunter 10 Tonnen Kunststoffbecher und 6 Tonnen Kunststofffolien
  • eine Getrenntsammlung fand nicht statt
  • 1169 g / Person Abfall

Quelle: www.stiftung-naturschutz.de

Ok, jetzt mag man sagen, dass sind Zahlen von vor 6 Jahren. Aber wenn man mit offenen Augen auf den Laufveranstaltungen ist, dann muss man ehrlich gestehen, dass sich Mülltechnisch nicht viel getan hat.

 

Die größten Müllsünden einer Laufveranstaltung

 

Einweg Zeitnahme-Chips

Um die Zielzeit eines Läufers zu messen, werden sogenannte Zeitmess-Chips (Transponder) verwendet.
Diese ermöglichen eine Erfassung der Brutto- und der Nettozeit. Der wohl bekannteste Anbieter dieser Chips ist „ChampionChip“. Wer clever ist kauft sich seinen eigenen Chip und kann bei jeder Anmledung eines Laufes seine indviduelle Nummer angeben. Alternativ kann man sich gegen Gebühr einen Chip ausleihen und ihn nach dem Wettkamp entweder zurückgeben oder kaufen. So weit, so gut.

In letzter Zeit machen allerdings auch immer mehr „Einweg Zeitnahme-Chips“ die Runde, so z.B. beim Wings for Life World Run. Dort war der Chip in der Startnummer integriert, diese wird aber ja nur einmal verwendet und landet danach im Müll. Nicht nur das wertvolle Materialen im Müll landen, auch die Genauigkeit solcher Messmethoden ist umstritten. Eine Technik die weder ausgereift noch ökologisch ist.

Bei Einweg-Chips die nicht an der Startnummer befestigt sind, muss man meist noch eine Gebühr bezahlen.
Dann wird der Chip EIN EINZIGES Mal benutzt und landet dann in der Tonne.
Hoch lebe die Wegwerfgesellschaft.

 

Müll

© Foto: Max Grönert

 

Einwegbecher

Wie oben bereits genannt, kommen beim Berlin Marathon gut und gerne EINE MILLION Einwegbecher zusammen. Das ist viel, viel Abfall!

Warum aber Einwegbecher?

  • Einwegbecher sind günstiger als Mehrwegbecher
  • Ein Becher muss bestimmte Anforderungen erfüllen. So muss er sich leicht zusammendrücken lassen damit man während des Laufens daraus trinken kann.
  • Thema Sicherheit: Stabile und feste Becher auf der Strecke können zur Gefahr werden

Was ist besser?

  • In der Ökobilanz schneiden Mehrwegbecher besser ab als Einwegbecher
  • Wenn Einwegbecher dann Pappbecher und keine Plastikbecher
  • Komposierbare Becher bringen keine Vorteile

Wer genauer in das Thema eintauchen will, dem empfehle ich diese Studie aus dem Jahre 2008 zum Thema „Vergleichende Ökobilanz verschiedener Bechersysteme“.

Hinzu kommen noch die ein oder anderen Handhabungs-Probleme bei Plastikbechern.
Einmal zusammengequetscht können Risse entstehen, die nicht nur für ein Wassermassaker auf dem T-Shirt sorgen sondern vor allem auch gefährlich für Mund und Lippen werden können. Und obwohl Pappbecher minimal teurer sind, sehe ich immer noch keinen nennenswerten Grund weiterhin Plastikbecher rauszugeben.
In diesem Fall sollte man sich mal die aktuellen Zahlen zum Thema Plastik-Müll anschauen und danach nochmal über die 1-2 Cent mehr für Pappbecher „diskutieren“:

  • 11,7 Mio. Tonnen Plasik verbraucht allein Deutschland (kein anderes Land in Europa verbraucht mehr)
  • 6 Milliarden Plastiktüten, mit einer Gebrauchsdauer von gerade einmal 25 Minuten
  • 5,7 Mio. Tonnen Abfall von Kunststoff. Nur 42 % werden recyclet.
  • Über 6 Mio. Tonnen Müll (der Großteil davon ist Plastik) landen jedes Jahr im Meer
  • Bei der Produktion von einem Kilo Plastik wird mindesten die doppelte Menge an Öl verbraucht

Die Auswirkungen von Plastik, vor allem in den Weltmeeren, ist drastisch und sollte unsere Handlungsweise ZWINGEND ändern. Es ist auch dein Planet!

 

 

Kälteschutzfolien

Ja, es gibt sie. Kälteschutzfolien für Läufer für vor oder nach dem Start. Manch einer greift auch noch zur guten alten Mülltüte, die er sich über den Kopf zieht. Die Kälteschutzfolien sind meist aus Polyethylen und wiegen pro Teil 150 Gramm.
Die Dinger haben natürlich den Sinn dich zu wärmen, meistens vor allem nach dem Lauf.
Das sie aber nicht nur wärmen sondern besonders viel Abfall erzeugen, daran denken nach einem Marathon-Zieleinlauf wohl die wenigsten.

Was können Alternativen sein?

Schon oft kann man beobachten, dass die Starter und Starterinnen alte Pullis oder Langarmshirts tragen und diese bis zum Startschuss anbehalten. Danach werden aber auch die Sachen über das Gitter geworfen und sind somit sich selbst überlassen. Einige Laufveranstaltunger sammeln die alte Kleidung ein und geben sie an karitative Organisationen weiter.

 

Starterbeutel

Für einen Läufer gibt es wohl kaum etwas aufregenderes als die Abholung der Startunterlagen. Mit diesem Schritt rückt der große Tag immer näher und man fühlt sich wie ein kleines Kind, was eine Wundertüte bekommt. Ein großes „Ah!“ hier und ein erstauntes „Oh!“ da. Mit großer Freude wird zu Hause auf der Couch das Startsackerl ausgepackt und begutachtet.
Neben Startnummer, Sicherheitsnadeln, Taschentüchern, Blasenpflastern, Traubenzucker und Lippenbalsam findet man vor allem jede Menge MÜLL!
Unmengen an Flyer für andere Laufveranstaltungen, Prospekte über die nächste Laufreise und Gutscheine über
5 % Rabatt im nächsten Sportgeschäft, springen einem förmlich entgegen.

Und was macht man mit den gefühlten eintausend Papiersachen? Genau! Man schmeißt sie in die Tonne.

Lediglich das kostenlose Red Bull und der leckere Power-Riegel finden tatsächlich Verwendung.
Und wenn das nicht schon schlimm genug wäre, ist der Starterbeutel auch noch aus PLASTIK!

Ok, natürlich gibt es schon vorbildliche Ausnahmen. Die Starterbeutel beim Stadtlauf von SportScheck sind aus einer Art Stoff (leider habe ich dazu keine Infos im Netz gefunden) und lassen sich somit sehr gut weiterverwenden. Wir bewahren zum Beispiel unsere Schuhe darin auf, wenn wir verreisen.
Die ollen Plastikdinger können wir leider nur als alternativen Müllsack verwenden, wenn sie bis dahin nicht schon gerissen und kaputt sind.

Über Sinn und Unsinn der kostenlosen Werbeprodukte lässt sich natürlich streiten. Fakt ist, jeder Flyer mehr produziert auch wieder mehr Abfall. Abfall den zumindest wir gerne vermeiden würden.
Im digitalen Zeitalter sollten die Hersteller vielleicht etwas raffinierter sein und sich auch hier umorientieren und nach ökologischeren Alternativen suchen. Denn, wo ein Wille da ein Weg.
Und zumindest beim Starterbeutel kann man auf umweltfreundlichere Materialien zurückgreifen. Wer weiß was man alles aus so einem alten Berlin-Marathon-Starterbeutel herstellen kann…

Vorbilder für modernes recyceln gibt es ja genug, wie z.B. „Bag to Life“ – hier werden alte Rettungswesten zu coolen Taschen verarbeitet.

 

Verpflegung

Wir alle sind mehr als dankbar, wenn wir bei einem Wettkampf verpflegt werden und zwar bereits einen Tag vor dem Lauf, bei der Pasta-Party, während des Laufs an den Verpflegungsstationen und nach dem Lauf im Zielbereich. Zum Glück gibt es hier viel Obst, d.h. der Müll von Bananen- oder Melonenschalen ist biologisch abbaubar.

Aber was passiert mit den ganzen übriggebliebenen Sachen?
Auf vielen Laufveranstaltungen ist es bereits üblich, dass man Bananen oder Äpfel in der Mitte teilt.
Ein Weiterverkauf oder eine Spende an die Tafel ist daher nicht mehr möglich. Anderseits werden somit die ganzen dreisten Essen-Horder gestoppt, die gerne auch mal drei Paletten Joghurt mit nach Hause nehmen.

Mit gutem Beispiel geht hier der Wings for Life World Run voran, denn die Organisatoren dieser Veranstaltung bringen die restlichen Lebensmittel (hauptsächlich das Obst) zum Zoo.

Auch der HAJ Marathon Hannover hat dieses Jahr sein Konzept etwas angepasst und im Zielbereich Beutel mit ausreichend Verpflegung an die Läufer verteilt.
So hat „food hoarding“, so wie man es vor allem beim letztjährigen Köln Marathon beobachten konnte, keine Chance mehr. Ansonsten gilt hier der Appell an alle Finisher: Ihr müsst kein Essen für nächste Woche mitnehmen, es gibt auch Supermärkte!

 

Finisher-Shirts

Was ist der Sinn von Finisher-Shirts? Man sammelt sie wie Medaillen oder Urkunden. Aber mal ehrlich, wann trägt man eines dieser Exemplare? Vor allem, wenn es noch aus Baumwolle ist und es nur in einer Einheitsgröße, nämlich M, gibt. Manchmal funktioniert man es als Schlaf-Shirt oder Gartenarbeit-Shirt um aber in den meisten Fällen wartet es nur darauf von hungrigen Motten im Schrank zerstört zu werden. In meinen Augen kann man sich so einen „Preis“ sparen, denn ich bezweifel das diese T-Shirts unter guten Bedingungen hergestellt worden sind. Beim diesjährigen Halbmarathon in München gab es eines dieser gratis Finisher-Shirts. Das war nicht nur kostenlos sondern auch ein optischer Supergau.
Mein Aufruf an dieser Stelle: Nächstes Jahr einfach weglassen oder spenden.

Anders sind da T-Shirts die aus atmungsaktivem Stoff sind, welche man käuflich erwerben kann und in der Zukunft auch trägt. Oder Veranstaltungen die das Shirt als Startnummer sehen, wie beim SportScheck Stadtlauf oder auch bei Frauenläufen wie dem CRAFT Women’s Run.

Gegen qualitativ hochwertige Kleidung spricht nichts, aber gegen sinnlose Billigprodukte die auf dem Müll landen.

 

Was kann man ändern?

Wenn man sich die einzelnen Punke durchliest, dann fällt vor allem eins auf:
Mann kann und sollte bei sich selbst anfangen. Gerade beim Thema Essen oder beim Nutzen der Kälteschutzfolien. Andere Punkte wiederum kann der Veranstalter ändern.
Das würde ich mir wünschen:

  • Keine Plastikbecher mehr
  • Keine Kälteschutzfolien aus Polyethylen
  • Weniger bis gar keine Werbung in Form von Papier im Starterbeutel
  • Wenn dann auf recyclebarem Material drucken
  • Starterbeutel aus ökologischem Material
  • Keine Einweg Zeitmess-Chips
  • Für jeden Finisher ein Verpflegungsbeutel im Zielbereich (Stände mit Obst können bleiben)
  • An alle Läufer: lieber ein Startnummernband als Sicherheitsnadeln verwenden und zukünftig auf diese im Starterbeutel verzichten

 

Vorbildliche Laufveranstaltungen

  • Alle Laufveranstaltungen, die ein Kombi-Ticket für die öffentlichen Verkehrsmittel im Startgeld mit inklusive haben. Hier geht ein fettes „BUUUUH“ nach Hamburg, die beim diesjährigen Marathon das Kombi-Ticket rausgenommen haben.
  • Speziell entwickelte Abfallkonzepte wie beim Frankfurt Marathon, die eine ökologisch und ökonomische Versorgung sicherstellen.
  • Frankfurt Marathon: Das Geschirr bei der Pasta-Party ist komplett recyclebar
  • Frankfurt Marathon: Führungsfahrzeug mit Elektroantrieb
  • Lippizanerheimatlauf: als erster Laufveranstalter Österreichs verwenden Sie Mehrwegbecher und sparen damit 25.000 Einwegbecher. Außerdem gibt es dort nur Mehrweggeschirr und Mehrwegverpackungen
  • Lippizanerheimatlauf: Werbeheft (16 Seiten, DIN A5) durch eine A5 Postkarte ersetzt. 300 % Ersparnis bei den Anschaffungskosten und 600 kg Hochglanzpapier eingespart
  • Hier gibt es noch viel mehr Infos zur Nachhaltigkeit des Lippizanerheimatlaufs

Man sieht also, dass es geht! Einige Veranstaltungen gehen bereits mit gutem Beispiel voran. Ich würde mir wünschen, dass vor allem die Großveranstaltungen etwas ändern – gerne bin ich auch bereits dafür mehr zu zahlen. Für mehr Nachhaltigkeit, gegen das einhundertste Baumwoll-Shirt.

 


 

Was denkst du über das Thema Müll und Nachhaltigkeit bei Laufveranstaltungen? Ist das für dich OK, so wie es ist? Ist es dir egal? Oder begrüßt du positive Veränderungen?
Vielleicht hast du auch ein paar Änderungsvorschläge, dann schreib sie uns doch in die Kommentare oder per Mail. Wir sind gespannt.

 

© Fotocredit und Copyright: Max Grönert, kangkikur

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