Liebesbrief an das Laufen

Ein Liebesbrief an das Laufen

Verdammt, Laufsport,

was hast du mit mir gemacht? Seitdem wir uns kennen hast du mir den Kopf verdreht.
Oder soll ich lieber sagen die Beine?

Du bist in mein Leben getreten als ich unzufrieden, traurig und allein war. Allein mit meinen Sorgen und Ängsten.
In mir herrschte eine unzumutbare Leere, die dabei war mich innerlich aufzufressen.

Ich wusste, dass ich etwas ändern muss! Also begab ich mich auf die Suche…

Bei meiner Suche stolperte ich über alles Mögliche. Alkohol zum Beispiel.
Man sagte mir, wenn ich nur genug davon trinke, dann kann ich alles vergessen und mich frei fühlen.

Das einzige was ich dadurch fand, war aber die Erkenntnis, dass auch Alkohol keine Probleme löst.
Im Gegenteil – er machte mich müde, faul und träge und noch einsamer.

Schlaue Menschen sagten mir, ich solle es unbedingt mal mit viel Arbeit probieren. Das lenkt schließlich ab.
Man hat dann einfach keine Zeit mehr, um sich einen Kopf über die Dinge zu machen. Aber ist Verdrängung der richtige Weg? Ist es nicht besser, sich den Situationen zu stellen? Viel arbeiten war für mich also auch keine Option, außer ich will den Rest meines Lebens allein verbringen…

Ich kam an einen Punkt, als ich fast am Verzweifeln war.
Gibt es überhaupt etwas, was mich aus diesem Loch holt?
Gibt es das nicht greifbare Glück, was mich ein Leben lang begleiten kann?

Dann plötzlich hörte ich das erste Mal von dir.

Mir fiel eine Zeitschrift in die Hände mit der Aufschrift „Laufen Sie sich glücklich.“
Laufen Sie sich glücklich? Da wäre doch viel zu einfach!
Einfach loslaufen und glücklich sein? Wie soll das denn bitte gehen?

Ich verschlang den Artikel förmlich und tauchte immer tiefer in die Materie des Laufsports ein.
Und tatsächlich – Laufen soll glücklich machen und das ohne großen Aufwand.

Ich war entschlossen! Ich wollte das Glück herausfordern. Also schlüpfte ich in meine alten Turnschuhe, zog mir mein Sportoutfit an und lief los. Ich lief und lief und lief und lief. Mein Körper fing auf einmal an Glückshormone auszustoßen. Woran ich das merkte? Während des Laufens machte sich ein kleines Lächeln auf meinem Gesicht breit und meine Beine wollten nicht mehr anhalten. Später erfuhr ich, dass ich ein klassisches „Runner’s High“ erlebte.

WOW! Du hast ja wirklich einiges zu bieten. Hut ab!

Es war wirklich ein unbeschreibliches Gefühl was du in mir auslöste. Ich glaube ich bin dir was schuldig.

Seit diesem Tag ist es um mich geschehen. Es gibt kaum eine Woche, wo du mich nicht begleitest.
Wir gehen gemeinsam durch schwere Zeiten, aber am Ende kann ich mich immer auf dich verlassen.

Ja, machmal hasse ich dich. Wenn du mal wieder meinst, mir Schmerzen zufügen zu müssen oder mich an mein Limit zu bringen. Oder wenn du dich gegen mich verschworen hast und denkst, mir den Lauf unerträglich machen zu müssen. Ganz ehrlich? Ich hatte schon oft darüber nachgedacht, dir den Rücken zu zu kehren und dich nicht mit einer Arschbacke anzuschauen. Aber dann schaffst du es doch immer wieder, mich auf die Straßen zurückzuholen.
Und dann ist es meist auch wieder da. Dieses Glück. Dieses Glück, mein Herz an dich verloren zu haben.

Ich kann mir ein Leben ohne dich nicht mehr vorstellen.
Was mache ich denn, wenn ich den Kopf frei bekommen möchte?
Was mache ich Sonntag Morgen vor dem Frühstück?
Und vor allem, wer sorgt dafür das ich meine innere Ruhe behalte?

Auch wenn es nicht immer leicht mit uns beiden ist, weiß ich doch, dass du es nur gut mit mir meinst. Jeder Schmerz und jede Träne haben etwas positives. Aus jeder Niederlage lerne ich, stehe wieder auf und mache weiter. Ich habe gelernt zu kämpfen und nicht aufzugeben. Schwierigen Aufgaben stehe ich nun selbstbewusst gegenüber und bin bereit neue Herausforderungen anzunehmen.
Und wer weiß was meine nächste Prüfung sein wird. Ich bin jedenfalls bereit!

Ich wünsche mir, dass noch viele andere Menschen deine Vorzüge erkennen und dir eine Chance geben.
Das sie sich für dich öffnen und erkennen, was du alles auf dem Kasten hast.

Meine lebenslange Treue hast du auf jeden Fall.
Ich werde solange zu dir halten, solange meine Beine mich tragen können. Und auch danach werde ich immer mit einem breiten Grinsen im Gesicht auf unser gemeinsames Leben zurückblicken – genau wie damals, als ich das erste Mal deine Bekanntschaft machte…

 

 

 

 

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