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Eine Grenzerfahrung für den Körper – der Boston Marathon 2018

Drei Wochen liegt das Abenteuer Boston Marathon nun bereits hinter uns und so langsam haben wir die vielen Eindrücke und Erlebnisse vom 16. April verarbeitet und können sie nun endlich in Form von Worten in diesen Blogbeitrag packen.
Beim Schreiben waren viele Emotionen im Spiel, denn dieser Marathon sollte unsere härteste Prüfung werden …

Wir haben uns dazu entschieden zwei separate Berichte zu schreiben, da jeder von uns den Boston Marathon anders erlebte. Aber Achtung: viele Worte und viele Gedanken …

 

Dennis’ Saisonhighlight –

Mit Qualizeit und großen Zielen zum Boston Marathon

 

Lenox Hotel Boston, Graffiti-Wand, Street, Mann springen, Kunst

 

Der Boston Marathon – der Traum aller Marathonis

Bevor ich meinen ersten Marathon in Hannover lief, wusste ich bereits, dass der Boston Marathon ganz oben auf meiner Bucketlist steht. Für Hobbyläufer hat der Boston Marathon einen vergleichbaren Stellenwert, ähnlich wie der Ironman auf Hawaii für Triathleten oder die Olympischen Spiele für Profiathleten.

Ich erinnere mich noch ganz genau an Susis Worte vor meinem ersten Marathon 2015: „Denize, wenn du die Qualizeit für den Boston Marathon packst, dann fliegen wir zusammen hin und rocken das Ding.“ Und gleich beim ersten Anlauf klappte es: Mit einer Zeit von 02:56 Stunden hatte ich das Ticket für Boston gezogen!

Es sollte allerdings 2,5 Jahre dauern, bis ich mich für Boston anmeldete. Dank meiner schnellen Beine und der vorliegenden Quali-Zeit bekam ich den Startplatz zugesprochen. Ich meldete mich damals an, auch auf die Gefahr hin, den Boston Marathon eventuell alleine zu laufen. Doch glücklicherweise war das Universum auf unserer Seite und so konnte Susi auch einen Startplatz ergattern.

Boston sollte nicht nur mein Laufhighlight 2018 werden, ich wollte dort auch, meine PB von 02:40:21 h aus Hamburg unterbieten. Also trainierte ich erstmalig mit einem Trainer an meiner Seite. Durch Markus lernte ich in dieser Zeit „Pimmelläufe“ zu genießen und bei Intervallen alles zu geben. Für den Boston Marathon lief ich im Winter sogar meinen ersten Crosslauf. Das Ziel war klar definiert: neue Bestzeit!

 

Ziel Boston Marathon, Banner beim Boston Marathon im Ziel, Together Forward

Zielbereich des Boston Marathon. Das Motto in diesem jähr war #TOGETHERFORWARD

 

Startnummer 582, 2 Grad Außentemperatur, 30 km/h Ostwind und 33 Grad Körpertemperatur

Diese Zahlen werden mich ewig an Boston 2018 erinnern.

Doch alles der Reihe nach: Nach turbulenter Anreise, mit einem um Haaresbreite verpassten Flug, sind Susi und ich am Freitag, den 13. im Land der unbegrenzten Möglichkeiten angekommen. Die Tage bis zum Marathonstart gestalteten sich völlig normal: Startunterlagenabholung, Marathonmesse und Carboloading standen bis Montag auf dem Plan. Bis hierher war eigentlich alles ganz normal. Bis auf eins: Die Wettervorhersage wurde einfach nicht besser. Für den Lauftag waren bereits starker Gegenwind und Regen gemeldet. Ich versuchte mir aber darüber keinen Kopf zu machen und muss mir aber jetzt eingestehen, dass ich rückblickend die Bedingungen unterschätzte.

Am Marathontag ging es sehr früh für mich los. Fünf Uhr aufstehen, eine Kleinigkeit essen und ab zu den Shuttlebussen. Diese Busse fahren uns Läufer in die Kleinstadt Hopkinton hinaus (ca. 45 Minuten), denn die Laufstrecke ist kein Rundkurs, sondern One-Way und führt 42,195 km nach Boston rein.

Da ich in der ersten Welle startete, musste ich bereits um 6 Uhr los. Voll eingepackt mit Wegwerfklamotten ging es los. Es regnete schon sehr stark und alle Straßen waren nass. Noch bevor wir Hopkinton erreichten, waren meine Füße klitschnass.

 

Athlete's Village beim Boston Marathon, Boston Marathon 2018, Marathon laufen

Ankunft bei der Athlete’s Village

Zelt und Schlamm beim Boston Marathon, Athletendorf Marathon, Regen, Kälte

Die Athlete’s Village glich einem Schlachtfeld.

 

Bis zum Start um 10 Uhr warteten wir in der sogenannten Athlete’s Village – riesige Zelte, welche auf einem großen Feld platziert sind. Leider waren das aber nur offene Zelte, sodass der Wind aus jeder Richtung durchzog. Außerhalb der Zelte war bereits alles voller Schlamm und Matsch – die Village glich einem Schlachtfeld.

Für diese enorm lange Wartezeit bei Kälte und Nässe waren einige Läufer besser vorbereitet, andere – so wie ich – weniger. Und so musste ich verdammt lange 2,5 Stunden in der Kälte warten. Ich bewegte mich kaum und war schon durchgefroren, noch bevor es richtig losging.

Zu diesem Zeitpunkt wurde mir leider auch klar, dass eine Bestzeit bei diesen Bedingungen nahezu unmöglich ist. Zumindest sagte mir das mein Verstand. Mein Herz und mein Ehrgeiz konnten sich das aber leider nicht so richtig eingestehen.

Um 09:15 Uhr durfte dann endlich die erste Welle, und somit auch ich, zum Startbereich. Dort angekommen mussten wir allerdings noch ca. eine halbe Stunde bei Dauerregen warten, bis dann ganz traditionell die amerikanische Nationalhymne gespielt wurde. Ein bewegender Moment, auch für mich. Denn ich persönlich finde den Patriotismus in den USA einfach toll.

Kurz vor dem Startschuss trennte ich mich von meinen komplett durchnässten Klamotten und pünktlich um 10 Uhr ging die 26,2 Meilen lange Reise los. Das Abenteuer Boston Marathon kann also beginnen!

Da meine Muskeln durch die lange Wartezeit in der Kälte komplett ausgekühlt waren, fielen mir die ersten Kilometer sehr schwer. Ich gab die Hoffnung jedoch nicht auf, dass sich durch die Bewegung so langsam Besserung einstellt, die Muskulatur erwärmt und ich in meinen Tritt finde.
Leider traf das Gegenteil ein. Der Starkregen, die extreme Kälte mit Temperaturen knapp über den Gefrierpunkt und der starke Gegenwind von ca. 30 km/h nahmen mir alle Hoffnungen.

Obwohl ich die ersten 10 Kilometer noch voll im Plan war, wusste ich, dass es bei diesem Lauf nur ums gesunde Ankommen geht – und so war es auch. Jeder Schritt, den ich machte, schmerzte. Meine Oberschenkel verkrampften und die eisigen Temperaturen, gemixt mit dem Regen, gaben mir den Rest. Es war so schlimm, dass ich zwischenzeitlich heulen musste. Ob es Tränen vor lauter Schmerz oder aus Frust und Enttäuschung waren, kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Mir war nur eins klar: Wenn dieser Marathon nicht der Boston Marathon gewesen wäre, hätte ich aufgehört und mir mein erstes DNF geholt – zu groß waren die Schmerzen und zu hart der Kampf gegen die Naturgewalten.

Ein Schlüsselmoment, warum ich weiterkämpfte und mich durchbiss, war, als ich einen Läufer mit einer Beinprothese überholte. Wenn ein Läufer mit Handicap dieses Rennen bewältigen kann, dann kann ich das auch! Dieser unbändige Wille dieses Mannes gab mir ein bisschen Kraft und Ansporn das Ding zu Ende zu laufen und gesund im Ziel anzukommen.

Der Kampf gegen die Wetterverhältnisse machte mich müde und ich wurde von Kilometer zu Kilometer langsamer. Ich zählte jede Minute und jede Meile runter, um endlich das lang ersehnte Ziel zu erreichen. Leider konnte ich keinen Meter der Strecke genießen, zu schlecht ging es mir.
Trotzdem sind mir einige Abschnitte der Strecke noch gut im Gedächtnis geblieben, wie z.B. der Scream-Tunnel.
Kurz vor der Halbmarathon-Marke erreicht man das Wellesley Collage, dort wo es lauter nicht sein könnte. Überall Schilder und Geschrei. Und trotz des Schietwetters war die Stimmung mindestens genauso wie 2017:

 

 

Die Stimmung allgemein war trotz des schlechten Wetters unglaublich. Die Zuschauer und Helfer hoch motiviert, freundlich und gut gelaunt. Das ist auch genau der Grund, warum ich wiederkommen muss.

Entkräftet überquerte ich nach 42,195 Kilometer die Finishline auf der Boylston Street. Die Uhr stoppte bei 03:16:07 h, mein bisher langsamster Marathon. Die weltbekannte Einhorn-Medaille konnte ich mir gerade so noch umhängen lassen, bevor ich im Medical-Center aufwachte. Meine Erinnerungen an die Minuten nach dem Zieleinlauf sind sehr schwach, aber ich weiß noch, wie ich mit dem Rollstuhl zum Zelt gefahren, anschließend ausgezogen und zugedeckt wurde. Mit einer Körpertemperatur von 91,9 Fahrenheit, also ca. 33 Grad, lag ich da also im Sanizelt. Ich war in sehr guten Händen, denn die lieben Helfer taten alles dafür, um mich wieder aufzupäppeln. Wärmedecken, Gemüsebrühe und eine Infusion brachten mich nach gut einer Stunde wieder auf Vordermann.

Rückblickend war es das härteste Rennen, was ich gelaufen bin. Härter als der Ultratrail auf dem Stubaier Gletscher. Gleichzeitig bin ich aber auch glücklich, einen weiteren Major gefinisht zu haben und bin mir sicher, dass mich die Stadt wiedersehen wird.

Boston: Eine Rechnung habe ich noch offen!

 

Luftballons Boston Marathon, Medaille Boston, Einhorn Medaille

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Susi hat das Ticket – der Traum vom Boston Marathon wird wahr

“Boston ist safe für dich!” – diese Nachricht musste ich mehrmals lesen, um zu kapieren, dass ich tatsächlich zum Boston Marathon fahren werde. Lange Zeit war nicht klar, ob ich tatsächlich am Rennen teilnehmen kann, da mir genau 5 Minuten für die Qualizeit gefehlt haben. Durch verdammt viel Glück und einen sehr, sehr guten Freund, bin ich letztendlich aber doch noch an einen der heiß begehrten Plätze gekommen. BOSTON CALLING! Ich konnte es nicht glauben!

Da der Hamburg Marathon bereits als Frühjahrs-Highlight fest im Kalender stand, war von Anfang an klar, dass ich Boston als letzten langen Dauerlauf nutzen werde und das Rennen einfach nur genießen will. Keine Zielzeit, kein Druck, einfach nur diese riesige Laufparty in vollen Zügen auskosten.

 

Boston Marathon Anschlag 2013, Gedenkstätte Boston Marathon, Blumen für die Opfer, Boylston Street

Gedenkstätte an der Boylston Street kurz vor dem Ziel. Es gibt immer eine Schweigeminute für die Opfer von 2013.

 

Wenn man zum Boston Marathon fährt, dann mit jeder Menge Erwartungen im Gepäck. Schließlich ist der Marathon hier der älteste Stadtmarathon der Welt – für viele Läufer ein Lebenstraum!
Ein Lebenstraum, der sich also auch für mich erfüllen sollte. Ich konnte es bis zum Tag der Anreise nicht wirklich glauben, dass ich an diesen magischen Ort reisen werde. Ein Ort, der 2013 traurige Berühmtheit durch einen feigen terroristischen Anschlag erlang – 3 Menschen starben, es gab mehrere Hunderte Verletzte. Das Ganze geschah kurz vor dem Ziel …
Wenn ich daran denke, laufen mir Tränen übers Gesicht.
Umso dankbarer bin ich, dass ich die Möglichkeit bekam, ein fröhliches, offenes und positives Boston kennenzulernen. Eine Stadt, die Marathon lebt und liebt.

 

Plakat Boston Marathon an der Boylston Street,Boston Marathon

Bus in Boston, Bus mit Boston Marathon Beklebung

 

Boston – Pilgerstätte und Lebenstraum für Läufer aus der ganzen Welt

Bereits Tage vor dem Marathon spürt man überall in der Stadt diese besondere Atmosphäre. Jedes Café, jedes Restaurant, jeder Einkaufsladen, jedes Hotel und jeder Winkel der Stadt stehen im Zeichen des Marathons. Überall ist man als “Marathoner” herzlich willkommen: es gibt spezielle Marathon-Menüs und -Getränke, Marathon-Kollektionen und überhaupt kommt man an den Tagen nicht um dieses Ereignis drum herum. Die City ist in blaugelb gehüllt, die Farben des Veranstalters Boston Athletic Association. Die Stimmung ist jetzt schon der Wahnsinn und die Vorfreude auf den großen Tag steigt dadurch ins Unermessliche.

 

Blumen in Boston für den Boston Marathon, Boston Strong

BOSTON STRONG – die Antwort auf den feigen Bombenangriff 2013

 

Startunterlagenabholung, Marathonmesse, Boston Marathon, Startnummer Marathon

Mit der Abholung der Unterlagen geht das Abenteuer Marathon los.

 

Wenn man beim Boston Marathon mitläuft, dann gehört das komplette Drumherum wie Marathonmesse, Pasta-Party, Merchandise-Shoppen und After-Race-Party einfach mit dazu. In Boston geht man nicht einfach nur zum Wettkampf, die Tage davor und danach sind mindestens genauso spektakulär. Und so haben wir natürlich auch alles mitgenommen, was ging. Für den Messebesuch ging ein kompletter Tag drauf, denn man kann dort wirklich sehr, sehr viel Zeit verdaddeln. Ich habe ja mittlerweile schon viele Messen gesehen, aber Boston setzt dem Ganzen dann doch die Krone auf. Irgendwie ist es wie ein Spiegel des “American Way of Life”. Es gibt dort nichts, was es nicht gibt und davon jede Menge.

Am Ende unseres “Rundgangs” waren wir u.a. mit Essen für die nächsten zwei Wochen eingedeckt – man wurde mit Joghurts, Riegeln und Schokolade regelrecht zugeschüttet. Das Highlight war aber auf jeden Fall die Abholung der Startunterlagen, denn dort wurde das alles real. Ich hielt meine Startnummer in den Händen! Meine Boston-Startnummer! Keine Ahnung, wann ich mich das letzte Mal so über ein Stück Papier gefreut hatte …

 

Marathon Expo Boston Marathon, Startnummer Boston Marathon, runskills, Marathonmesse

Das Foto vor der “Welcome Athletes” Wand gehört einfach dazu.

 

Pre-Race-Party und erste dunkle Vorhersagen für den Boston Marathon

Wenn man es nun einmal hierher nach Boston geschafft hat, dann geht man natürlich zur Pasta-Party. Ehrlich gesagt war ich bisher nur einmal auf einer und das war beim Frankfurt Marathon. Als wirkliches Highlight empfand ich das aber nicht, weshalb ich ohne große Erwartungen zur Pre-Race-Party ging.

“Rechnet mit ein bis zwei Stunden Wartezeit.” ,sagte uns vorweg noch ein guter Bekannter. Also versuchten wir recht frühzeitig da zu sein und so mussten wir lediglich eine Viertelstunde anstehen – dies war allerdings der Taschenkontrolle geschuldet. Allgemein muss man in Amerika und besonders beim Boston Marathon immer und überall anstehen. Gut, dass man im Urlaub ist und keinen Stress hat. Das Warten und Anstehen war auch nicht das Problem, sondern das bereits sehr schlechte Wetter. Nachdem wir Freitag und Samstag noch Temperaturen um die 13 Grad hatten, kam am Sonntag der Winter zurück: 2 Grad und leichter Schneegraupel. Wir blieben jedoch positiv, denn alle möglichen Wetter-Apps prophezeiten zumindest am Wettkampftag 10 Grad und lediglich leichten Regen. Eigentlich perfekte Laufbedingungen. Eigentlich …

Die Pasta-Party war wie alles beim Boston Marathon: Top organisiert, groß und einfach imposant. Es war wirklich eine Party, die man nicht verpassen sollte.

 

Eingepackt in Plastiktüten beim Boston Marathon, Regenmarathon, schlechtes Wetter in Boston 2018

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Der Weg zur Startlinie ist lang

Es war so weit. Der Tag der Tage war nun endlich da: It’s Raceday, Baby!

Nach dem Aufstehen fiel der erste Blick nach draußen. Regen, Dauerregen. Das sah gar nicht gut aus, aber ich blieb weiterhin positiv und verließ mich weiterhin auf die Wettervorhersage, die nur teilweise Regen meldete.

Während Dennis schon um 6 Uhr losging, hatte ich noch Zeit bis zum Start. Da ich in der letzten Welle (Wave 4) startete, musste ich erst zwischen 08:30 und 09:15 Uhr zum Shuttle-Bus. Ich hatte also noch Zeit, um mich outfittechnisch eventuell noch umzuentscheiden. Aber ich blieb dabei: Kurz/Kurz. Dass ich diese Entscheidung später bereuen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar.

Die Zeit bis zum Startschuss verging wie im Fluge, da ich die ganze Zeit damit beschäftigt war, irgendwie trocken zum Bus zu kommen. Am Gear-Pick-Up musste ich dann eine endgültige Entscheidung treffen: Was ziehe ich an? Ich blieb bei kurzer Hose und T-Shirt, nahm aber zusätzlich noch meine vermeintliche Regenjacke mit.

Es deutete sich bereits beim Einlass zu den Bussen an, dass heute ein “besonderer” Tag ist. Denn normalerweise gibt es sehr klare und eindeutige Vorschriften, was das Gepäck für den Startbereich angeht. Man bekommt bei der Startunterlagenabholung einen kleinen durchsichtigen Plastikbeutel ausgehändigt, wo man lediglich Essen wie Bananen und Riegel sowie Bekleidung wie Handschuhe und Mütze mitnehmen darf. An diesem Tag gab es jedoch einige Sonderregelungen und man konnte ebenso Wechselschuhe und Regenschirme mitnehmen.

Die Busfahrt ging ungefähr 45 Minuten – die einzigen 45 Minuten, in denen man vor Regen und Kälte geschützt war. Die Zeit im Bus nutzte ich, um mit meinem Sitznachbarn über Boston, den Marathon und Gott und die Welt zu quatschen. Allgemein kann man in der Zeit vor dem Start jede Menge Leute kennenlernen, mit denen man ins Gespräch kommt. Von meinem Bus-Mitfahrer hab ich unter anderem einiges über den Anschlag 2013 erfahren, denn er war damals mittendrin. Gänsehautmoment. Und mal wieder musste ich mir verinnerlichen, dass ich hier tatsächlich gleich bei DEM Marathon starten werde. Die Vorfreude war trotz des anhaltend schlechten Wetters riesig.

 

Zieleinlauf Boston Marathon, Boston Marathon 2018, Regenmarathon, Frau mit Jogginghose

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Rocky Balboa Style – in Baumwollhose ins Ziel

Marathonläufer verstehen sich. Sie leiden, fiebern und freuen sich mit dir mit. Die Herzlichkeit dieser Leute war von Anfang bis Ende zu spüren. So bekam ich zum Beispiel noch eine Jacke von meinem Sitznachbarn geschenkt oder von dem netten Mädel an der Kleiderbeutelabgabe zwei Plastiktüten für meine Schuhe. Trotz aller Präventionen war ich bereits vor dem Start klitschnass und durchgefroren. Jetzt wollte ich einfach nur noch laufen und mich bewegen.

Aufgrund der immer schlechter werdenden Bedingungen durften alle restlichen Blöcke um 11 Uhr starten. Für mich kam das allerdings sehr überraschend und somit kam ich nicht dazu meine Klamotten, die ich über meinem Race-Outfit anhatte, abzulegen. Ehe ich mich versah, war ich schon über die Startlinie getreten und auf Kurs: mit Baumwoll-Pullover und -Jogginghose.

Die ersten fünf Kilometer lag ich gut im Rennen, was aber auch an dem leichten Gefälle lag. Regen, Wind und Kälte waren bis hierher aber noch auszuhalten, denn die Stimmung an der Strecke war von der ersten Sekunde an bombastisch.

Irgendwann trennte ich mich zumindest von meinem Pullover, die Hose behielt ich aber weiterhin an, weil es einfach immer kälter und ungemütlicher wurde. Das Wetter setzte mir immer mehr zu, mein Körper kämpfte gegen die Witterungsbedingungen an, mein Kopf musste viel Arbeit leisten. Ich versuchte, mich auf das Positive zu konzentrieren und weniger an die mittlerweile eiskalten Hände zu denken. Von Kilometer zu Kilometer fielen mir die Schritte schwerer – die Muskeln waren so ausgekühlt, dass sie kaum bis gar nicht mehr zu spüren waren. Es war irgendwann offensichtlich, dass sich das Wetter nicht mehr bessern würde und man nur eine Chance hatte: Durchhalten und überleben.

Durst und Hunger verspürte ich zu keiner Sekunde, nahm aber prophylaktisch zwei Gels, um nicht in ein Loch zu fallen und meinem Körper Energie zu geben.

Neben der Frage, was ich mir hier eigentlich antue, galt meine volle Bewunderung den vielen freiwilligen Helfern und Zuschauern, die bei diesem Schietwetter ihre gute Laune nicht verloren. Ich kann mir nur annähernd vorstellen, wie die Atmosphäre sein muss, wenn das Wetter gut ist. Die Leute flippen aus!

 

Heartbreak Hill Running Company in Boston, Laden, Geschäft, Laufladen

Der berühmte “Heartbreak Hill” hat sogar einen eigenen Store.

 

Die Strecke des Boston Marathon hat es in sich. Es gibt einige Anstiege, der bekannteste ist wohl der “Heartbreak Hill” bei Meile 20 – dort geht es ca. 800 Meter steil bergauf. Und dann passierte es: Ich musste gehen. Meine Kräfte waren einfach am Ende und ich konnte den berühmten Anstieg nicht bezwingen. Allein deshalb muss ich noch einmal nach Boston zurückkehren, denn ich habe noch eine Rechnung offen …

So heftig der “Heartbreak Hill” auch ist, er ist nichts gegen den letzten Anstieg, bevor man auf die finalen 200 Meter auf die Boylston Street einbiegt. Dieser kleine, aber sehr hinterhältige Hügel gibt einen noch mal den Rest, besonders dann, wenn die Kräfte komplett am Ende sind und man gerne einen Schlusssprint hinlegen würde.

Körperlich, aber vor allem mental war das ein Lauf, bei dem man an seine Grenzen gegangen ist. Wie auch Dennis bereits erwähnte, wäre man wohl bei jedem anderen Marathon ausgestiegen. Aber es ist Boston, eine einmalige Chance – vor allem für mich. Und in dem Moment, wo du auf die Boylston Street einbiegst und die Menschenmassen siehst, ist einfach alles vergessen. In diesen wenigen Sekunden denkst du weder an das Wetter noch an die Schmerzen. Du siehst das Ziel, hörst die Menschenmassen und bist einfach nur der glücklichste Mensch der Welt.

BOSTON STRONG!

Trotz unterirdischer Bedingungen habe ich nach vier Stunden das lang ersehnte Ziel erreicht. Eine Zeit, mit der ich sehr zufrieden bin, wenn man bedenkt, was mein Körper alles leisten musste. Dank vollgesogener Baumwollhose hatte ich auch noch ein paar Andenken für die nächsten Wochen: wunde Stellen am ganzen Körper. Im Ziel spielte das jedoch alles keine große Rolle. Die Freude über die Medaille und ein trockenes Plätzchen waren einfach riesig.

Der Boston Marathon 2018 – ein Lauf, den ich niemals vergessen werde.

Uns haben viele gefragt, ob das ganze Drumherum nicht stressig und nervig war. Ich sage: Nein, genau so musste es sein. Diese Atmosphäre vor und nach dem Marathon ist einfach einzigartig. Die Stadt lebt und liebt Marathon und genau das macht diesen Reiz aus, immer und immer wieder nach Boston zu kommen und den Marathon zu laufen.

Ich komme wieder! Irgendwann!

 

Medaille Boston Marathon, Pärchen mit Medaille, Pärchen in den USA

Die berühmte Einhorn-Medaille

 

Und zum Abschluss noch 5 Gründe, warum der Boston Marathon der beste ist:

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